Exposé

Tagung

Störfälle │ Epistemologie, Performanz, Ästhetik

12. bis 14. Mai 2010
Berlin

I. Veranstalter

Dr. phil. Lars Koch
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft der Universität Siegen.

Kontakt:
Universität Siegen
Lehrstuhl Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Fachbereich 3 – Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften
Adolf-Reichwein-Str. 2
57076 Siegen
Telefon: +49 (0) 271 / 740 – 2143
Email: lars.koch@uni-siegen.de
http://www.uni-siegen.de/fb3/personen/koch_lars/


Prof. Dr. phil. Christer Petersen
Juniorprofessor für Angewandte Medienwissenschaften an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus.

Kontakt:
Prof. Dr. Christer Petersen
Juniorprofessur für Angewandte Medienwissenschaften
am Institut für Elektronik und Informationstechnik
der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus
Siemens-Halske-Ring 14
03046 Cottbus
Telefon: +49 (0) 355-69 21 84
Email: petersen@tu-cottbus.de
www.tu-cottbus.de/medienwissenschaft



II. Thema der Tagung: Störfälle als Herausforderung von Selbstbeschreibungsroutinen

Der Störfall – verstanden als Ernstfall, Reflexions- und Dynamisierungsmoment der Wissensgenerierung über Natur, Technik und Kultur – wird aus der Perspektive von Technik-Folgen-Abschätzungen und Technik-Wissenschaften nur unzureichend erfasst. Störfälle fordern technische Bearbeitungsprozeduren ebenso heraus, wie sie kommunikative Differenz markieren. Die von den Antragstellern geplante Tagung macht es sich daher zur Aufgabe, das kontinuitätsunterbrechende Phänomen des Störfalls interdisziplinär, gleichwohl aber an die Theorieangebote der Kulturwissenschaften zurückgebunden, zu diskutieren. Ziel soll es sein, die Dysfunktionalität des Störfalls in seinen unterschiedlichen Ereignislogiken ‚zum Sprechenʻ zu bringen: Störfälle bezeichnen im technischen Diskurs Anomalien im Betriebsablauf mit oftmals weit reichenden Konsequenzen für System und Umwelt. Der Störfall verweist so in paradigmatischer Weise auf das destruktive Moment der Poiesis. Zugleich tragen Störfälle aber auch zur Schaffung neuen Wissens bei, etwa in Form eines risikokalkulierenden Vorsorgeprinzips oder in der wissenschaftstheoretisch formulierten Einsicht in die Notwendigkeit produktiver Fehlgriffe. Störfälle irritieren kulturelle Selbstbeschreibungsformeln ebenso wie sie diese stabilisieren. Störfälle konterkarieren nicht bloß tradierte kulturelle und technische Handlungsabläufe, sondern motivieren im Zuge der Deskription ihres Verlaufs und ihrer Ursachen sowie in der Präskription von Strategien ihrer Vermeidung neue Kulturtechniken. Indem in der Beobachtung von Störfällen Erfahrung und Erwartung auseinander fallen und Diskontinuitäten schockartig sichtbar werden, eröffnet die Beschäftigung mit Störfällen somit einen reflexiven Blick auf kulturelle Verarbeitungsroutinen und damit auf basale gesellschaftliche Muster – etwa einer kulturellen Serialisierung oder eines Zwangs zu Kausalitäten einfordernden Narrativen. In diesem Sinne sind die im Grenzbereich von Normalisierungsprozessen angesiedelten Störfälle prominente Anlässe gesellschaftlicher Selbstthematisierung, anhand derer die Verhältnisse von Ordnung und Unordnung, von systemischen Ein- und Ausschlüssen, von Faktischem und Kontrafaktischem jeweils neu verhandelt werden.



III. Zeitpunkt und Ort der Tagung

Die Tagung Störfälle. Epistemologie, Performanz, Ästhetik wird vom 12. bis 14. Mai 2010 (Mittwochnachmittag bis Freitagmittag) in Berlin stattfinden. Das Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin, namentlich Prof. Dr. Joseph Vogl, sind die institutionellen Gastgeber. Verantwortlich für Konzeption und Organisation der Tagung sind Dr. Lars Koch (Uni Siegen) und Prof. Dr. Christer Petersen (BTU Cottbus).



IV. Ausführliche Darstellung der wissenschaftlichen Zielsetzung

Vor dem Hintergrund der oben formulierten, thematischen Ausgangsüberlegungen will sich die Tagung Störfälle. Epistemologie, Performanz, Ästhetik in unterschiedlichen Zusammenhängen mit wissensgenerierenden Effekten, Dynamiken des Verlaufs und imaginären Ausdeutungen von Störfällen auseinandersetzen. Besonderen wissenschaftlichen Mehrwert erhoffen sich die Veranstalter dadurch, dass sich profilierte Vertreter unterschiedlicher fachlicher Disziplinen gemeinsam einer ‚intersubjektiven ʻ Operationalisierung der Kategorie ‚Störfallʻ widmen, um diese quer zu überkommenen Fächergrenzen zu diskutieren. Der Begriff ‚Störfallʻ soll dementsprechend einerseits in seinem Oszillieren zwischen sozioökonomischen, politischen, kulturellen, technischen und ‚biologischenʼ Ordnungen erfasst und andererseits auf den diskursiven Ermöglichungszusammenhang jeweilig spezifischer Störfall-Diagnosen bezogen werden: Störfälle erweisen sich jenseits ihrer faktischen Ereignishaftigkeit in historisch kontingenten Situationen immer auch als Ergebnisse (massenmedialer) Kommunikation. Diese wiederum ist abhängig von medialen Eigenlogiken und narrativen Deutungsanmustern, so dass sich im Aktionsraum ‚Störfallʻ Aspekte technischdispositiver Systematiken, natur- und kulturwissenschaftliche Wissensordnungen und phantasmatischer Inszenierungen zu Epiphanien eines spezifischen modernen „Gefahrensinns“ (Joseph Vogl) verdichten: Der Störfall nährt einen Komplexitätsverdacht, der in manifesten Ausgestaltungen von Gefahr, Gefährlichkeit und Risiko den eidimensionalen zeitdiagnostischen Blick auf die „katastrophale Gesellschaft“ (Ulrich Beck) selbst auf den Prüfstand stellt und damit Bausteine einer kritischen Ontologie unserer sozialen und technischen Praxis, unseres Redens und Wissens liefert.
           Konkret sind für die Tagung drei Perspektiven grundlegend – eine epistemologische, eine performative und eine ästhetische – deren genauere Darstellung dazu beitragen soll, den Begriff ‚Störfallʻ von anderen Begriffen wie etwa ‚Kriseʻ, oder ‚Katastropheʻ abzugrenzen. Hier aus Gründen der Übersichtlichkeit getrennt von einander aufgeführt, müssen diese drei Perspektiven für die Diskussionen der Tagung aber in dynamischer Verflechtung gedacht werden, die permanente semantische, analytische und praktische ‚Reentrysʻ initiieren:


Epistemologie des Störfalls

Störfälle sind beobachterabhängig. Welches Ereignis unter welchen Umständen als Störfall beurteilt und antizipiert wird, hängt entscheidend von normativen und epistemologischen Prämissen ab. Epistemologien des Störfalls fragen im Hinblick auf Störfall- Genesen daher zum einen nach den konkreten ‚Aufschreibesystemenʻ der Datengewinnung, zum anderen nach den Regeln und Regelhaftigkeiten, unter denen Störfall-Wissen in unterschiedlichen historischen Konstellationen und variierenden Wissensfeldern produziert wird. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche technischen, anthropologischen und hegemonialen Vorannahmen dabei eine Rolle spielen. Von zentralem Interesse sind also ebenso abstrakte Aspekte der historischen Genese disziplinspezifischer Störfall-Lektüren wie Perspektiven auf konkrete Wirkungsverhältnisse, anhand derer in den einzelnen Wissensfeldern Kategorien etabliert werden, um all das „Gewalttätige, Plötzliche, Kämpferische, Ordnungslose und Gefährliche“ (Michel Foucault) von Natur, Kultur, Technik und Ökonomie bearbeiten zu können.


Performanz des Störfalls

Jeder singuläre Störfall irritiert das Dispositiv, innerhalb dessen er sich ereignet. Er produziert eine Lücke, ein Ereignis, das Verschiebungen und Unterbrechungen im öffentlichen Fluss von Funktionalitäten produziert. Jeder Störfall folgt einer eigenen Verlaufslogik, die beobachtet und – im Nachhinein als Faktisches, aber auch im Vorfeld als Kontrafaktisches – kommuniziert wird. Auf diese Weise den Prozeduren der Wahrnehmung als Objekt der Beobachtung gegenübergestellt, eröffnet der Störfall eine Perspektive auf die Funktionalität, Medialität und Verortungspraxis der Beobachtung selbst. Markiert der Störfall – so ist moderne-sensibel zu fragen – den Verfall systematischer Utopien, seien diese Entwürfe naturwissenschaftlich-technischer, ökonomischer oder politischer Art? Ist er Ergebnis autodestruktiver Übersättigungsprozesse, die dort eine Form immanenter Selbstregulierung in Gang setzen, wo Interventionen von außen ins Leere laufen? Oder verweist der Störfall, verstanden als stets wahrscheinliche Möglichkeit von Dysfunktionalität, gar auf ein Ideal postsouveräner Handlungsfähigkeit, das in unterschiedlichen Konstellationen unter semantische Bezugnahme auf Schwärme, Rhizome und selbststeuernde Prozesse im Ansatz bereits vorformuliert wurde?
           Fokussiert auf die Performanzen des Störfalls sucht die Tagung nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Störfall-Dynamiken und Störfall-Beobachtungen. Zentral ist somit die Frage, ob sich in ganz unterschiedlichen Ereigniszusammenhängen semantische und diskursive Kontinuitäten der Störfall-Prozessierung beobachten lassen, welche in ihren Versuchen der Dynamisierung oder der ‚Entstörungʻ Passagen zwischen unterschiedlichen Wissensfeldern eröffnen und vergleichbare technische wie ökonomische, juristische wie politische Handlungskonzepte motivieren.


Ästhetik des Störfalls

Störfälle sind nicht nur Gegenstand unterschiedlicher Wissens- und Handlungsfelder, sondern üben – „not only technologically, but also technologicopoetically“ (Jacques Derrida) – auch eine immense Faszination auf das kulturelle Imaginäre aus. Bilder des (katastrophalen) Störfalls liefern Anhaltspunkte dafür, wie sich Gesellschaften unter anderem über den fortlaufenden Bann von Schreckenshorizonten definieren und sichern. In den Phantasmen des Störfalls verschränken sich verschiedene Diskursfelder und spielen in ästhetischen Übersetzungen ganz unterschiedliche Zivilisations-, Technik- und Naturgeschichten von Kontingenz, Unsichtbarkeit und Latenz durch. Im Hinblick auf den „Umgang mit der erwarteten Katastrophe“ (Mike Davis) ist daher die Frage von zentralem Interesse, inwieweit die Fiktionalisierung von Störfällen in einer ästhetischen Dopplung von Dekonstruktion und kreativer Antizipation jenes vermeintliche Orientierungswissen erneuert, das in einem ‚realenʻ Störfall verloren zu gehen droht. Im Medium von Ästhetik und Fiktion – so die durch die Tagung zu untermauernde oder in Frage zu stellende These – können im Zuge einer komplexen, sowohl Inhalt als auch Form betreffenden Signifikationsdynamik Gefahrenwahrnehmungen stimuliert, alternative Verlaufsformen durchgespielt und mögliche Handlungsoptionen erprobt werden. Ästhetik und Fiktion erweisen sich so als prädestinierte ‚Störfälleʻ diversifizierter Regelungs- wie Regierungstechnologien, die dazu in der Lage sind, hegemoniale Gesellschaftsdiskurse ebenso zu untermauern wie zu irritieren.